Für Nilüfer Erözgün, die im Oktober 2002 an Laukämie erkrankte, ging letzte Woche ein großer Wunsch in Erfüllung: Alex Wykoff, ihr Stammzellenspender aus Kalifornien, landete am Münchner Flughafen. Bis Samstag wird er noch in der Hopfenstadt bleiben, um ihre Familie und das Land kennenzulernen. Bei einem Besuch in den Räumen der Volkshochschule traf er am Sonntag auch Waltraud Thoma, die damals mit viel Einsatz die spontane Hilfsaktion geleitet hat.
"Ich war fast einem Herzinfarkt nahe, so sehr habe ich mich auf das Treffen mit meinem Spender gefreut", beschreibt Nilüfer ihre Gefühle am Flughafen. Für sie hat der Besuch aus den USA einen besonderen Stellenwert: "Endlich ist der Mann hier, der mir mein Leben gerettet hat". Denn im Oktober 2002 erhielt die Mainburgerin die niederschmetternde Nachricht, an Leukämie erkrankt zu sein. Ihr Cousin Ibrahim Sarialtin setzte kurz darauf alle Hebel in Bewegung, um ihr zu helfen.
Zusammen mit der VHS Mainburg startete er eine groß angelegte Hilfsaktion, bei der sich 1100 Mainburger, darunter 500 türkischer Herkunft, haben typisieren lassen. Noch am 12. Oktober titelte die Hallertauer Zeitung mit dem "Aufruf zur Hilfsaktion für die am Leukämie erkrankte 32-jährige Nilüfer Erözgün", doch weder in der Verwandtschaft, noch an ihrem Wohnort fand sich ein passender Spender.
Der sehnlichst erwartete Satz "wir haben einen Spender" ließ aber nicht lange auf sich warten, am 31. Oktober ereilte Nilüfer die Nachricht per Telefon. Am selben Tag wurde auch der damals 32-jährige Alex Wykoff darüber informiert, dass seine Stammzellen benötigt würden. "Ich habe keinen Moment gezögert", beschreibt er den Moment der Einwilligung. Gleich an den fünf aufeinanderfolgen Tagen erhielt der Polizist aus Gilroy eine Spritze. Die erste noch am Arbeitsplatz, die nächsten drei Zu Hause - sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zunehmend - und die fünfte im Klinikum.
"Ich hatte das Gefühl, meine Knochen platzen auseinander", beschreibt der Vater dreier Kinder die Nebenwirkungen. Die Aktion abzubrechen, daran hat er nie im Traum gedacht. Sein Wille "Nilüfer, 33 Jahre, Europäerin" zu helfen war ungebrochen. Doch seine Gedanken kreisten nicht nur um die Erkrankte, sondern auch um ihren Mann Celibi. "Ich habe für ihn gebetet, dass er die Kraft haben möge, das alles durchzustehen."
Alex Stammzellen erhielt Nilüfer Erözgün erst am 12. Februar 2003. Diesen Tag feiert die inzwischen Genesene nun als ihren zweiten Geburtstag. Mit der Transfusion wuchs in ihr immer mehr der Wunsch ihren Lebensretter nach Ablauf der zweijährigen Sperrfrist kennenzulernen. Mit diesem Wunsch war sie aber nicht alleine. Auch der Amerikaner bemühte sich, zu Nilüfer Kontakt aufzunehmen, was ihm nach einem Jahr auch gelang.
Waltraud Thoma erinnert sich noch ganz gut an den Tag, als sie eine Email mit einem Foto von Alex in Uniform öffnete. "Ich habe gleich Nilüfer angerufen und ihr davon berichtet", so die Assistentin der VHS-Geschäftsführung rückblickend. Die zwei Frauen, aus denen inzwischen gute Freundinnen geworden sind, haben ihm dann in ihrem ersten Gefühlschaos gemeinsam den ersten Brief geschrieben. "Wir waren da ziemlich ratlos, was wir alles hineinschreiben sollen", so Nilüfer.
Die Email, die anonym weitergeleitet wurde, stellte Alex Wykoff gleich vor ein großes Problem. Der 37-jährige kann nämlich kein Wort Deutsch. So machte er sich mit dem Ausdruck in den Händen auf die Suche nach einem Übersetzer, bis er einen im College fand. Schließlich wollte er wissen, was aus Nilüfer geworden ist und den Kontakt wollte er nicht gleich abbrechen lassen.
Damit es mit der Verständigung besser klappt, lernt die Mainburgerin nun fleißig Englisch. Während seines Aufenthalts in Deutschland begleitet aber Manuela Curtis als Übersetzerin die beiden, um mögliche Verständigungsprobleme zu vermeiden. "Ich kann zwar inzwischen gut Englisch sprechen, aber die Geschichte von Städten oder Sehenswürdigkeiten erklären kann ich noch nicht", so Nilüfer.
Die restlichen Tage will Nilüfer für Ihren Gast, der ihrem Onkel wie aus dem Gesicht geschnitten sieht, so schön wie möglich gestalten. Ich möchte ihm all das zurückgeben, was er mir vor vier Jahren gegeben hat", erwähnt die 37-Jährige vollen Dankes. Nach Kelheim, Schloss Neuschwanstein und Schloss Linderhof wollen Nilüfer und Alex' neugewonnene Familie noch Landshut, Regensburg und München erkunden, bevor es am Samstag wieder zurück in die USA geht.